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  • Das Babylon der Regionen

    Der Commander ist wieder da.

    Logos.

    Kürzlich ist mir etwas Lustiges passiert.

    Ich habe im Netz einen Beitrag über einen Bankautomaten gelesen. Die Zeile brach an einer unglücklichen Stelle um. Zuerst dachte ich deshalb an Tomaten. Erst dann an eine Bank. Na gut, manchmal braucht die Hirnverdrahtung etwas länger, bis die Aufmerksamkeit die vollen 100 % erreicht hat. Es sollte also um einen Bankautomaten gehen.

    Buchstabensalat ist ja auch nichts Besonderes mehr. Man wird täglich davon überschüttet. Kennen Sie diese Texte? Wollen Sie mal einen versuchen? Hier einer, der seit Jahren durchs Netz schwirrt:

    „Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das ezniige was wcthiig ist, ist, dass der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sien, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als gseatems.“ *

    Na? Hat doch gut geklappt, oder? Es ist tatsächlich so. Sehr viel Wirrwarr bemerkt man gar nicht mehr, anderes schluckt man hilflos und manchmal ist es leider so schlimm, dass man Schwierigkeiten hat, einen einfachen und knappen Text, beispielsweise in einer Tageszeitung, zu verstehen.

    Kennen Sie das?

    Interessiert las ich also gestern weiter:

    „Gestern habe ich lange am Bankautomat gestanden ...“, so habe es ein Schreiber mitgeteilt. Im Beitrag ging es folgend darum, dass es „am Bankautomaten“ heißen muss. Das ist richtig. Weiter war zu lesen, dass es der Schreiber damit vergeigt habe. Ja was denn?

    Im ersten Moment war ich verwirrt. Natürlich steht man an einem AutomatEN. Korrekt muss bleiben, was korrekt ist: Grammatik. Aber irgendetwas machte mich an diesem Satz stutzig, denn ich verstand ihn einfach nicht.

    Schließlich ging meine Sprachlampe – die mit dem großen Fragezeichen – an. Es ist bei uns in Süddeutschland befremdlich, das Perfekt von "stehen" mit "haben" zu bilden. Der Duden hat mich endlich erleuchtet – es gibt tatsächlich einen regionalen Unterschied zwischen „haben“ und „sein“ und deshalb bleibe ich dabei: Ich für meinen Teil BIN gestern am Bankautomaten gestanden.

    Denn wer bei uns im Süden am Bankautomaten gestanden HAT, der hat etwas zugegeben, getan zu haben – er hat quasi gegenüber dem Bankautomaten ein Geständnis abgelegt.

    Damit war das für mich erst einmal erledigt und eine große Freude, gepaart mit der Erkenntnis der Weisen, überkam mich. Ob „sein“ oder „haben“: Deutsch ist eine herrliche Sprache!

    Aber es geht ja noch weiter. Verstehen Sie denn alles, was Sie so lesen? Ich kenne Übersetzer, die alles verstehen, was sie lesen. Das Besondere daran ist, dass sie beides verstehen. Sie verstehen, was sie lesen und auch, was sie in einer für uns fremden Sprache daraus machen und niederschreiben. In allen Schattierungen, mit allen Finessen und Besonderheiten. Deshalb können diese faszinierenden Menschen, weitab von der Idee der Translations-Automatisierung, weitestgehend ohne Maschinen und immer am Puls der Zeit, verständlich bleiben. Der Clou dabei ist, dass die Menschen, die diese fremde Sprache in ihrem Land sprechen, ebenfalls verstehen, was mein Übersetzer geschrieben hat. Ist das nicht toll?

    Naja, heute Abend zuhause werde ich mich nochmal in einer anderen Welt bewegen. Ich bin ja Württemberger. Ich wohne im schönen Remstal, ich bin dort geboren und aufgewachsen und ich lege Wert darauf, dass bei uns zuhause Schwäbisch geschwätzt wird.

    Deswegen werde ich auch heute Abend am Esstisch meinen Sohn zur Linken wieder bitten, mir zu helfen – und zwar mit folgenden Worten:

    „Wo isch denn der Butter? Gib mir mol des Teller rüber, i brauch den Butter.“

    Nun ist ein babylonisch-verwirrender Punkt in der Sprache erreicht – ganz im ursprünglichen Sinne dieser Gedanken, ob es um „sein“ oder „haben“ geht – nicht, um die Existenz, aber doch, um die Herkunft von Giovanni Trapattoni in Frage zu stellen:

    Ich habe fertig.

    Herrscht bei Ihnen auch quasi-babylonische Sprachverwirrung?
    Ich hoffe nicht, ansonsten fragen Sie uns, wir machen das.

    Wir verstehen Sie. Egal, in welcher Sprache. Versprochen.

    COMLOGOS.

    _____

    • Für die Idee zu diesem Text danke ich Frau Dr. Gabriele Frings. Das ist die Dame, die gerne erklärt, warum sie im Norden „das Radiergummi“ meint, wenn es bei uns im Süden „der Radiergummi“ ist, um den es geht.
    • Für die Idee mit dem Buchstabensalat danke ich Herrn Dietmar Simon.
    • Unser Teaser-Bildchen vom Turmbau zu Babel ist von Pieter Brueghel aus dem Jahre 1563.
    • * Quelle Buchstabensalat: Buchstabensalat